Achtsamkeit – Östliche Weisheit im westlichen Outfit

Ein Freitagnachmittag im Mai. Das Wetter ist schön und ich habe mich mit einer Freundin auf einer Terrasse verabredet. Ich bin etwas früh dran und habe mir schon einen Drink bestellt. Während ich die Sonne genieße, schaue ich mich um und sehe die alten Fassaden rund um den Platz, das frische Grün der Platanen, die Blumenkästen mit ihren bunten Blumen, den blauen Himmel mit weißen Wolken.
Mindestens 80% der Menschen in meiner Umgebung haben ihr Mobiltelefon in der Hand. Sie machen Fotos voneinander, von ihrem Essen oder streichen wie verrückt über ihren Bildschirm. Virtuellen Kontakt gibt es zuhauf, aber „realen“ Kontakt kann ich nur wenig erkennen. Sie haben kaum ein Gespräch mit den Freunden, mit denen sie gekommen sind. Es gibt absolut kein Interesse an den Leuten, die an den anderen Tischen sitzen.

Dann sehe ich meine Freundin kommen. Sie hat es eilig und kramt in ihrer Tasche. Als sie findet, wonach sie sucht, ihren Lippenstift, bleibt sie an einem Schaufenster stehen und trägt den Lippenstift auf. Dann dreht sie sich zu der Terrasse um, auf der ich sitze, während der Lippenstift wieder in ihrer Tasche landet. Ihr Blick wandert über die Köpfe und ich hebe meine Hand. Als sie mich erkennt, lächelt sie und winkt zurück. Mit ein paar schnellen Schritten steht sie neben meinem Tisch. „Oh sorry, ich bin so spät dran, aber ich musste im Büro noch etwas erledigen …“ Ich nicke und gebe ihr einen Kuss. Sie lässt sich neben mir auf den Stuhl sinken, aber bleibt steif sitzen und erzählt mit vielen Gesten, was an diesem Tag schief gelaufen ist. ‚..natürlich fing es heute Morgen schon damit an, dass Justin seine Sporttasche nicht finden konnte … die Kinder natürlich zu spät in der Schule .. und ich auch viel zu spät an der Arbeit .. und dieser Bericht musste heute fertig sein … dann musste ich eigentlich noch einkaufen, aber dazu hatte ich wirklich keine Lust mehr. Als ich nach Hause kam habe ich dann Pizza bestellt…. die Kinder waren natürlich glücklich….aber ich fühlte mich wieder wie eine schlechte Mutter …. das ganze Junk-Food… muss ich gleich noch eine extra Runde joggen….‘ Erst als der Kellner nach ein paar Minuten vorbei kommt, um zu fragen, was sie trinken will, sinkt sie in ihren Stuhl zurück. Sie seufzt und sieht mich fragend an. „Nun, worauf habe ich heute Lust?“ Sie sieht den Aperol in meiner Hand und bestellt das gleiche.

Stress – wer kennt das nicht?

Die Szene, die ich oben beschreibe, ist aus dem Leben gegriffen und für fast jeden nachvollziehbar. Wir haben alle viel zu tun: Arbeit, Familie, Freunde, Hobbys, Haushalt usw. Zusätzlich gibt es den ständigen Fluss von (digitalen) Informationen. Mit den Eingaben, die wir jetzt an einem Tag verarbeiten müssen, kannst du 174 Zeitungen füllen. Das sind fünfmal mehr Informationen als in 1986. Kein Wunder, dass jeder über Stress klagt und immer mehr Menschen unter stressbedingten Beschwerden leiden wie Schlaflosigkeit, Bluthochdruck, Herzklopfen, Magen- und / oder Darmprobleme, hohe Muskelspannung, verminderte Libido, Konzentrationsstörung, Lustlosigkeit, Reizbarkeit. Was im schlimmsten Fall, wenn du so weiter machst, zu einem Burnout führen kann.

Achtsamkeit hilft gegen Stress

Bereits im Jahr 1979 hat der Begründer der Achtsamkeit im Westen, Jon Kabat-Zinn, das MBSR-Programm (Mindfulness Based Stress Reduction) entwickelt, um Stress, Ängste, Schmerzen und (chronische) Krankheiten zu lindern. Er kombinierte sein Wissen über den Zen-Buddhismus mit wissenschaftlicher Forschung, indem er die Grundprinzipien des Aufmerksamkeitstrainings oder der Achtsamkeit in einem medizinischen Umfeld anwendete. Seine Methode erwies sich als sehr erfolgreich und hatte viele positive Auswirkungen. Um einige zu nennen:
– Mit Emotionen bewusster umgehen
– Kein / weniger Stress
– Entspannter sein
– Bessere Lebensqualität, weil Sie das Hier und Jetzt mehr genießen
– Bessere Konzentration
– Weniger Sorgen
– Weniger Schlafstörungen
– Stärkt das Immunsystem

Wie fängst du an?

Es funktioniert am besten, wenn du an einem Kurs oder Workshop teilnimmst und eine Reihe von ‚Werkzeugen‘ und Übungen erhältst, die dich auf deinem Weg unterstützen. Du kansst dies aber auch „auf eigene Faust“ tun. Fange mit etwas Kleinem und Alltäglichem an wie zum Beispiel Abwaschen, Zähneputzen oder Duschen. Nimm dir die Zeit und Ruhe und mache jede Handlung/Bewegung mit wirklicher Aufmerksamkeit. Achte in diesem Moment auf deine Atmung und auf deine sensorische Erfahrung und voilà .. du bist bereits aufmerksam. Es hört sich einfach an, aber am Anfang wirst du bemerken, dass deine Gedanken abschweifen, und schon nach drei Bewegungen denkst du bereits über das Geschenk für deine Schwiegermutter nach. Das ist nicht schlimm und vor allem sehr menschlich, aber jedes Mal, wenn du bemerkst, dass deine Gedanken wandern, urteile nicht, beobachte das,  und konzentriere dich wieder auf deine Tätigkeit. Je mehr du das übst, desto einfacher wird es, die Ruhe in deinem Kopf zu bewahren.

Achtsamer im Leben sein (stehen) ist Geschicklichkeit. Man muss es viel üben, wie zum Beispiel Fahrrad fahren lernen oder Klavier spielen. Je öfter du es tust, desto einfacher wird es und fühlt sich wie ein natürlicher Teil deines Lebens an.
Bei meinen Schülern liegt der Schwerpunkt in erster Linie auf der Atmung. Gut ist es am Anfang täglich mehrmals ein paar Minuten sehr konzentriert Atemübungen zu machen.

Ist Achtsamkeit nicht esoterisch oder spirituell?

Irgendwie haben viele Menschen immer noch die Vorstellung, dass Achtsamkeit eine spirituelle Praxis ist. Das ist möglich, aber sicherlich nicht notwendig. Wikipedia schreibt: Achtsamkeit ist ein Geisteszustand, der sich durch die Wahrnehmung der eigenen körperlichen Erfahrungen, Gefühle und Gedanken auszeichnet, ohne sofort auf automatische Reaktionen umzuschalten.

Obwohl Achtsamkeit auf Zen-Buddhismus basiert , hat es in der Zwischenzeit eine so praktische Übersetzung in unsere westliche Welt erhalten, dass es kaum noch spirituell ist. Es geht im Grunde genommen nur darum, dass du aufmerksam durch dein Leben gehst. Wenn dir das mit Weihrauch, einer Buddha-Statue und stundenlanger Meditation passiert, ist das in Ordnung. Ich selbst bin eher die praktische Variante. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, „Aufmerksamkeit“ in mein Leben zu integrieren. Zum Beispiel in dem ich Aufmerksam einen Spaziergang mache oder ein Gespräch mit meiner Tochter führe. Ich habe, wie so viele, ein geselliges und volles Leben. Eine Familie, Freunde, Arbeit, Haushalt, Hobbys. Es gibt immer viel zu tun, aber du kannst lernen, so damit umzugehen, dass du dir selbst Frieden schaffst. Dies ist möglich durch Meditation, aber auch in dem man die kleinen, angenehmen Dinge im Leben bewusst siehst, tut, erlebt und schätzt. Jeder kann auf seine eigene Weise aufmerksam sein.

Mein Weg zu mehr Achtsamkeit

In 1995 absolvierte ich mein Studium an der Fakultät für Architektur in Delft. Als Endarbeit habe ich ein japanisches Teehaus in den Niederlanden entworfen. Dies erforderte ein Verständnis der Philosophie der Teezeremonie, die mich mit dem Zen-Buddhismus in Kontakt brachte. Diese Lehre hat mich sofort angesprochen und ich habe mich seitdem weiter damit befasst.
Danach habe ich als Architekt angefangen zu arbeiten, ich heiratete, bekam zwei Schätze von Kindern und nahm fröhlich an der albernen Mühle des Lebens teil. Es war ein ziemlich stressiges Leben, aber ich schaffte es einfach nicht, die traditionellen buddhistischen Lehren zu einem natürliches Bestandteil meines Lebens zu machen. Ich hatte nicht die Zeit (und nicht die Lust, ich gebe es ehrlich zu), jeden Tag eine Stunde lang zu meditieren. Und dann entdeckte ich Achtsamkeit. Eine Methode, um buddhistische Lehren in unser westliches Leben zu integrieren. Damit schaffte ich es meinen „Buddhismus“ in mein Leben zu einzubeziehen. Es war praktisch und ich konnte es in meinen Alltag integrieren. Mit kleinen Schritten änderte ich mein Leben von einem Irrenhaus zu einem bewussteren Leben mit weniger Stress.

In der Zwischenzeit habe ich einen Schrank voller Bücher zu diesem Thema, habe eine Reihe von Schulungen absolviert und bin sogar zum Achtsamkeitstrainer ausgebildet worden. Mit meiner Arbeit als Architekt habe ich aufgehört und habe mittlerweile meine eigene Coaching-Praxis. So kann ich Menschen helfen, mit mehr Aufmerksamkeit zu leben. Indem man freundlicher ist zu anderen, aber vor allem auch zu sich selbst, wird viel Gutes entstehen: weniger Stress, mehr Ruhe, weniger Sorgen, mehr Loslassen, weniger Verurteilen, mehr Raum für sich selbst und die Menschen um sich herum, immer weniger ‚müssen‘ und mehr genießen.